Re-Mixed. zu den Arbeiten von Dejan Kaludjerovic
by Christine Haupt-Stummer

Dejan Kaludjerovic kocht, wenn er Kunst macht. Seine Zutaten bestehen aus unterschiedlichsten künstlerischen und handwerklichen Techniken wie z.B. Malerei, Grafik oder Stickerei. Eine weitere Zutat sind kollektive Bildgedächtnisse bestimmt von Kommunikationsmedien wie Magazinen, Werbeplakaten, Versandkatalogen oder private Bildarchive. Die dritte Zutat sind Alltagsgegenstände, wie z.B. Tischtücher, Klopapier oder Kleidungsstücke. Neu zusammengestellt erzählen diese Zutaten neue, mitunter unerwartete Geschichten. Was dabei entsteht, sind in ihrer Form sehr differente Werke, die nach ähnlichem "Rezepten" konzipiert werden.
Strawberry Boy z.B. basiert auf einem ca. 30 Jahre alten Werbefoto für Kinderunterwäsche. Breitbeinig steht da ein Junge und führt den KäuferInnen als Beweis für die Qualitäten des Produkts die Kraft in seinem rechten Oberarm vor Augen. Aus dem Versandkatalog herausgelöst zeigt der Junge nun im Rahmen der Ausstellung seine Stärke. Gemalt ist dieses 2 x 1,5 m große, ganz in rot gehaltene Portrait auf zwei roten Plastiktischtüchern, die über Keilrahmen gespannt sind. Den Hintergrund bilden unzählige, rote Pinocchio Gesichter, die Dejan Kaludjerovic mit einer Tapetenwalze auf die Tischtücher aufgebracht hat. Das Bildnis des Jungen selbst hat den Charakter eines durch zahlreiche Fotokopiervorgänge etwas abstrahierten Portraits.
Im Kontext der Ausstellung wirbt der Junge nun nicht mehr für Unterwäsche, er ist zu einem überdimensionalen, kraftstrotzenden, selbstbewußten Knaben geworden, der im Schutz seines "abwaschbaren Pinocchio-Kinderzimmers" das Bildformat sprengt, indem Scheitel und Beine vom Keilrahmen abgeschnitten sind. Das Stereotyp dieser Männlichkeitspose wird durch die zahllosen Wiederholungen der Pinocchio-Gesichter im Hintergrund verstärkt. Gleichzeitig wirkt diese Siegerpose des Kindes aber auch verletzlich. Weniger seine Nacktheit evoziert dieses Gefühl, vielmehr seine scheinbar im Licht aufgelöste Körperkontur. Seine rechte Schulter verliert sich im Hintergrund, ähnlich wie seine rechte Seite und sein rechtes Bein. Die Stärke, die Männlichkeit des Jungen scheint sich zu relativieren. Langsam kommt das Wesen des Kindes hinter den roten Schatten in Erinnerung.
Mit ähnlich subtilen, narrativen Mittel arbeitet Dejan Kaludjerovic auch in seinen anderen Werken. In seiner Bild/Ton Installation What did tomorrow bring us? führt er uns via Diaprojektion ein scheinbar idyllisches Familienportrait im Panoramaformat vor Augen: In einem Wald sitzt sich ein junges Paar am Geländer einer Brücke gegenüber und betrachtet verträumt die AusstellungsbesucherInnen. Im Dunkel dieses Ausstellungsraumes hört man das Tosen eines Baches. Das Rauschen des Wassers symbolisiert Zeit, das Werden. Etwas stört diese Harmonie. Die Mode und das Gelbstichige der Schwarzweißfotos erzählen, dass die Aufnahme aus der Vergangenheit stammt. Ist es die Verliebtheit, mit der Mann und Frau die AusstellungsbesucherInnen anschauen? Sie erscheinen zu zweit und doch einsam - so, als ob sie nichts miteinander anfangen können.
Beim genauen Betrachten erkennt man, dass sich in der Mitte der Projektion zwei Bäume in einem am Kopf stehenden "V" treffen: die gesamte Landschaft ist vertikal gespiegelt. Die Szene hat sich nicht so abgespielt, wie sie in der Ausstellung zu sehen ist. Dejan Kaludjerovic hat zwei Fotos seiner Eltern manipuliert und in eine Gleichzeitigkeit gebracht. Der Betrachter steht heute dort, wo einst der vertraute Partner hinter der Fotokamera stand. Die Frage What did tomorrow bring us?, die gleichzeitig Titel der Installation ist, legt in diesem Kontext ein Scheitern familiärer, und damit stellvertretend gesellschaftlicher, Systeme nahe.
In seinen Arbeiten zieht Dejan Kaludjerovic seine BetrachterInnen geschickt durch eine scheinbare Vertrautheit und Intimität in Bann. Sein Plakat Spring Soap beispielsweise spielt mit altbekannten Kommunikationsstrategien der Werbebranche. Bei genauerem Hinschauen entpuppen sich diese Anknüpfungspunkte zu Möglichkeiten, gesellschaftliche (Macht)Strukturen darzulegen und zu hinterfragen. Die serbische Frühligsseife erscheint auf dem Plakat als Sponsor der Ausstellung. Faktum? Oder spielt das Plakat auf die fehlende Beziehung zwischen Wirtschaft und Kunst in Serbien an? Der Künstler als Eigenpromotor seiner Marke? Dass sich Dejan Kaludjerovi? für diese Erzählungen unterschiedlichster Medien, Bildwelten oder Materialien bedient, die er collagenhaft behandelt, ist auch stellvertretend für die Vielschichtigkeit gesellschaftlicher und marktwirtschaftlicher Systeme zu verstehen. Indem er auf Vertrautes aus der Vergangenheit zurückgreift und neu arrangiert, erzählt er scheinbar vertraute Alltagsgeschichten neu.